Nach einer Woche erreichten wir Lijiang. Die Stadt, in 2500 Meter Höhe, gehört zu UNESCO‘s World Heritage. Stellte man sich die Stadt ohne Touristen vor, wäre es wahrlich eine Zeitreise in das vergangene Jahrhundert. Kleine zwei-etagige Holzhäuser mit kunstvollen Dächern und Fenstern, überall Handwerker, einige schmucke Männer in traditionellen Gewändern, Frauen in Blusen und blassblauen Schürzen mit einer traditionellen Kopfbedeckung. Manche Frauen balancieren eine Holzstange mit Wassereimern auf den Schultern. Das sind die Männer und Frauen der Naxi-Minderheit, die seit mehr als 1000 Jahren in Lijiang siedeln. Es gib eine Lebensgewohnheit der Naxi, die Touristen regelmäßig in Erstaunen versetzt, denn obwohl die Lebensweise der Naxi reich an Traditionen ist, war doch die Beziehung zwischen Mann und Frau sehr unkonventionell. Ein verliebter Mann und eine verliebte Frau gingen zwar eine Partnerschaft ein, verbrachten auch die Nächte miteinander, sie verzichteten allerdings auf ein gemeinsames Haus und ein gemeinsames Leben. Stattdessen musste der Mann jeden Morgen in das Haus der Mutter zurückkehren. Auch die Kinder wuchsen bei der Mutter auf, selbst wenn die Partnerschaft als beendet galt. Was haltet Ihr davon meine Damen? Mittlerweile gilt diese Tradition als abgeschafft. Erstaunlich ist auch die Schrift der Naxi-Minderheit. Sie besteht aus sehr Pictogrammen, die vor 1000 Jahren erschaffen wurde. Beispielsweise wird ein „voller Bauch“ einfach durch ein gemaltes Männchen mit vollem Bauch dargestellt. Oder „ich“ besteht aus einem gemalten Männchen mit Messer in der Hand. Sehr intuitiv. Leider wurden die Naxi Hieroglyphen während der Kulturrevolution verboten, aber nun wird versucht dies in den heutigen Schulen wieder aufzuarbeiten.
Die obige Beschreibung war ein Blick auf die Stadt ohne Touristen. Nun stelle man sich beschriebenes, romantisches Stadtbild mit aberhundert und aberhundert Touristen vor, die mit riesiger Digitalkamera lachend und erzählend durch die Strassen jagen, auf der Suche nach dem perfekten Motiv, Spaß und neuen Souvenirs. Gerade noch im letzten Jahrhundert gewandelt wird man mit solcher Geräusch- und Bewegungskulisse schnell die Realität des 20 Jahrhundert zurückgeholt. Klar, irgendwie hat man sich daran in China schon gewöhnt. Richtig seltsam ist allerdings, dass diese charmante Stadt sich kompromisslos dem Touristenvolk anpasst, „Also“, scheinen sich die Bewohner zu sagen, „dann lasst uns doch ein kleines Shanghai in 2500 m Höhe erschaffen.“ Man traue seinen Augen kaum, in Holzhäusern befinden sich riesige Großraumkneipen, darin zwei bis fünf tibetisch oder Naxi-traditionell gekleidete Männlein und Weiblein nach Harcore-Techno-Musik auf der Bühne synchron ihr Tanzbein schwingend. Einige wunderschön gekleidet Einheimische, versuchen die Touristen festzuhalten und überreden sie charmant oder uncharmant, sich sofort rein ins Tanzgetümmel zu stürzen. Wen interessieren Berge, Architektur oder Kultur? Wenn die Straße nicht mit Großraumkneipen übersät, dann sind sie es mit 1001 Souvenirshops. Kaufet, tanzet, tanzet, kaufet!
Um diesem wilden Treiben zu entfliehen ging es zwei Tage in die Berge zur Tigerschlucht. Hierher hatten sich nur eine Handvoll Bergwanderer verirrt und eine fantastische Landschaft lag zur Eroberung vor uns – Schneeberge, Felsen, Schluchten, Wälder und Einsamkeit. Der erste Tag der Bergerklimmung war ein Kinderspiel, aber am zweiten Tag hatte sich der Schwierigkeitsgrad verzehnfacht. Die 50 cm schmalen Bergpfaden, daneben 500 m Tiefe, ließen alle Herzen höher schlagen, jedenfalls mein Herz. Ab und zu waren in der Ferne winzige Bergdörfchen zu sehen. Abends trafen sich alle Bergwanderer in einer Jugendherberge am Fuße des Berges und feierten und erzählte. Welch ein Hochgefühl hatte sich uns Bergwanderer aller bemächtigt, wir waren stundenlang in glühender Landschaft gewandert, hatten durchgehalten, hatten atemberaubende Landschaften gesehen und waren angekommen.
Weiter reisten wir an den spätestens seit „Lost Horizon“ sagenumwobenen Ort, Shangrilila, ein Ort bewohnt von fast ausschliesslich Tibetern. Es gibt dort einen imposanten, buddhistischen Tempel, den wir zu viert besuchten. Im Tempel machten wir Bekanntschaft mit drei tibetischen Mönchen, die uns zum Gebet führten. Unser britischer Reisegefährte bekam eine ungewöhnliche Segnung von dem dortigen Lama. Nach vielen Gebeten, Hände haltend, Köpfe sich berührend, wunderschönem Gesäusel, wurde dem sprachlosen Briten ein weißer Schal umgelegt und an der Hand des Lamas zu dem Hauptaltar geführt. Ein besonderer Moment. Bestimmt drei Stunden saßen wir mit den Mönche beisammen, erzählend, lachend und mit jungem Mönch spielend. In Shangrilila hätte man sehr lange weiter verweilen können.
Wenn Ihr ein neues Reiseziel sucht, wie wäre es mit Yunnan?
